"Wir haben uns gepusht"
Sie gehörten zu den besten deutschen Stabhochspringern in den vergangenen zehn Jahren. Nach dieser Saison beenden Lars Börgeling und Richard Spiegelburg ihre Karrieren. Im Interview sprachen beide Springer über ihre Laufbahn, kuriose Erlebnisse und darüber, welcher Deutsche als nächster sechs Meter springen kann.
Lars Börgeling, im Gegensatz zu Richard Spiegelburg haben Sie zu Beginn des Jahres noch nicht von einem Karriereende gesprochen. Wie ist der Entschluss bei Ihnen gereift?
Lars Börgeling: Nach der verpassten Olympia-Qualifikation 2008 war der Gedanke ans aufhören schon in meinem Hinterkopf. Damals war ich frustriert, und dann kam das Jahr 2009, in dem ich nur verletzt war. Eigentlich hätte ich da den Stab schon in die Ecke stellen müssen, aber so will ja keiner abtreten. Zu Beginn dieser Saison war klar: Wenn 2010 wieder so schlecht wird, ist endgültig Schluss. Und im Prinzip ist es ja genau so gekommen.
Richard Spiegelburg, Sie haben dagegen ihr Karriereende frühzeitig angekündigt. Hatten Sie einen versöhnlichen Abschluss ihrer Laufbahn?
Richard Spiegelburg: Es war ein super Ende, obwohl ich mir gewünscht hätte, noch ein paar Mal 5,70 Meter oder höher zu springen, aber es hat leider nur einmal auf einer irregulären Anlage geklappt. Ich hatte es eigentlich drauf, aber irgendwie dann doch nicht umgesetzt. Mit den „Pole Vault Classics" in Leverkusen und dem ISTAF in Berlin, das eines der schönsten seit langem war, habe ich noch einmal viel mitgenommen. Auch Aachen war ein Highlight. Zum Ende bin ich wirklich mit einigen positiven Erlebnissen beschert worden.
Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, wie es ohne das tägliche Training sein wird?
Lars Börgeling: Im Gegensatz zu Richard war bei mir der Gedanke ans Aufhören eher unterschwellig vorhanden, und der endgültige Entschluss ist erst in den letzten zwei, drei Monaten gereift. Dass es jetzt soweit ist, habe ich noch nicht realisiert, weil ich in den vergangenen Jahren im September ohnehin immer im Urlaub war. Der Unterschied ist: Diesmal werde ich nicht mehr in die Stabhochsprung-Szene zurückkehren. Richard Spiegelburg: Ich weiß noch nicht genau, was ich machen werde, habe aber schon viele Sachen im Kopf.
Lars Börgeling: Nach 15 Jahren Training braucht man auf jeden Fall eine Alternativbeschäftigung. Ich möchte nicht drei Monate nach dem letzten Wettkampf an mir runterschauen und denken: „Börgeling, was ist aus dir geworden, du warst mal eine geile Sau."
Richard Spiegelburg, Sie studieren Medientechnik an der Kölner FH und Sie, Lars Börgeling, Sportmanagement in Iserlohn. Wie weit sind Sie mit ihrem jeweiligen Studium? Richard Spiegelburg: Es ist noch nicht zu Ende, aber ich schreibe schon an meiner Masterarbeit. Mein Diplom habe ich 2007 gemacht und im November folgt dann der Master. Lars Börgeling: Ich bin mittlerweile fertig und habe den Bachelor gemacht.
Haben Sie schon Pläne, was Ihre berufliche Zukunft angeht?
Richard Spiegelburg: Ich werde in Ruhe schauen, was für einen Job ich bekomme.
Lars Börgeling: Ein paar Pläne habe ich bereits, zum Teil auch konkreter, aber das ist noch nicht spruchreif.
Sie waren beide bei Welt- und Europameisterschaften, bei der EM 2002 in München waren Sie sogar gemeinsam am Start und Sie, Lars Börgeling, haben Silber gewonnen. Welche Ihrer Ziele haben Sie dennoch nicht erreicht?
Lars Börgeling: Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Natürlich war es immer mein Traum, sechs Meter zu springen und zu diesem elitären Club, zu gehören. Das schmerzt ein wenig. Aber mit 31 kann ich keine sechs Meter mehr springen. Der Zug ist abgefahren, da muss man realistisch sein. Richard Spiegelburg: Erfolge bei Meisterschaften sind zum Teil auch Glückssache. Was ein bisschen an mir nagt, ist, dass ich nie bei Olympia war. Von den Platzierungen her ist das alles schon in Ordnung. Vielleicht hätte ich noch höher springen können, aber mir ist wichtig, dass ich fast nie verletzt war und fast immer eine komplette Saison machen konnte.
Welchen Anteil hatte der Leverkusener Stabhochsprung-Trainer Leszek Klima an Ihrem Erfolg?
Richard Spiegelburg: Ich kam mit einer Bestleistung von 5,17 Metern nach Leverkusen und Leszek hat mich über die Jahre 68 Zentimeter nach oben gebracht. Das ist sein Verdienst. Ich habe von ihm die Professionalität und die gute Technik gelernt. Er war immer sehr tolerant und hat ein Gespür dafür, wie man einen Athleten in die Spur bringt. Lars Börgeling: Unsere Gruppe zeichnete sich früher dadurch aus, dass wir sehr selbstständig waren und uns gegenseitig sehr gepusht haben. Leszek hat das eher moderiert. Sein großes Geheimnis ist, dass er ein guter Motivator ist. Er kann den Spaß am Stabhochsprung auf eine ganz spielerische Weise vermitteln. Er gibt kein festes Schema vor, in das die Springer gepresst würden.
Neben den Springern aus Leverkusen hat Tim Lobinger als Lautsprecher der deutschen Stabhochspringer fungiert. Was bedeutet so ein Typ wie er für die Disziplin in Deutschland?
Richard Spiegelburg: Tim hat den Männer-Stabhochsprung durch sein Auftreten und seine Leistungen in Deutschland populär gemacht. Er hat das professionelle Verhalten vorgelebt. Davon konnten wir alle uns eine Scheibe abschneiden.
Lars Börgeling: Er hat es vorgelebt, und wir haben uns an ihm orientiert. Vielleicht schießt er manchmal über das Ziel hinaus, aber niemand war von uns jemals so professionell wie Tim. Richard Spiegelburg: Er macht seinen Weg als Profisportler, während wir es immer auch im Hinterkopf hatten, einen Abschluss zu haben, auf dem wir nach der Karriere beruflich aufbauen können. Seine Risikobereitschaft, alles dem Stabhochsprung unterzuordnen, war bei mir nicht so ausgeprägt. Jetzt mit einem Uni-Abschluss dazustehen, beruhigt im Nachhinein.
Gibt es besonders kuriose Erlebnisse in Ihrer Karriere, die Ihnen noch heute sehr präsent sind?
Richard Spiegelburg: Früher musste ich oft unmittelbar vor dem Wettkampf noch einmal auf die Toilette. Bei der WM 2001 in Edmonton wurde mir das fast zum Verhängnis. Ich hatte den Weg zur Toilette total unterschätzt und wollte zudem noch früh einsteigen. Als ich wieder an die Anlage kam lief die Uhr schon und ich musste schnell die Spikes anziehen und springen. Der Versuch war zwar nichts, aber am Ende habe ich doch noch einen guten Wettkampf gemacht.
Lars Börgeling: Nachdem ich Silber bei der U23-EM 1999 in Göteborg gewonnen hatte, durfte ich zum ersten Mal in der Golden-League starten. Nachdem ich aber drei Tage lang gefeiert hatte, stellte ich im Hotel in Monaco zunächst fest, dass ich meine Laufschuhe vergessen hatte. Ich bin dann einfach barfuss eingelaufen. Aber dann ging es erst richtig los. Beim Einspringen bin ich kein einziges Mal richtig auf die Matte gekommen und ständig auf die Bahn zurückgefallen. Marc Osenberg, der mich dort gecoacht hatte, schüttelte nur den Kopf. Dann habe ich erst bemerkt, dass ich den härtesten Stab gesprungen bin, den ich damals hatte. Ich habe dann einen weicheren genommen und bin noch 5,70 Meter gesprungen. Da habe ich mich doch noch ganz gut verkauft.
Was braucht man, um sechs Meter zu springen?
Lars Börgeling: Bei sechs Metern begibt man sich in Grenzbereiche. Stabhochsprung ist nun mal keine ungefährliche Sportart. Das Risiko steigt, sich weh zu tun. Das Schlimmste, was einen 400-Meter-Läufer passieren kann ist, dass er danach sehr erschöpft ist. Wir dagegen können uns schwer verletzen, wenn ein Versuch misslingt. Die beiden aktuellen Sechs-Meter-Springer Steven Hooker und Renaud Lavillenie sind nicht nur körperlich gut drauf, sondern auch mental unheimlich stark. Das kommt zum Teil auch mit dem Erfolg. Man muss bereit sein, das absolute Risiko einzugehen und daran scheitert es oftmals bei uns.
Richard Spiegelburg: Renaud Lavillenie ist ja noch jung und wirklich ein Draufgänger. Er hat noch nicht so viele Negativerlebnisse, wie Hooker. Der war nach einem Unfall in einem ziemlichen Tief. Aber er hat mit seinem Trainer konsequent eine Strategie verfolgt und daran gearbeitet. Für einen Weltrekord muss man dann vielleicht noch ein bisschen mehr richtig machen.
Lars Börgeling: Das stimmt schon. Wie Okkert Brits in den 1990er-Jahren über sechs Meter gesprungen ist, war ja keine Technik, das war brachiale Gewalt. Ein Lavillenie ist da schon wesentlich ästhetischer. Jeff Hartwig beispielsweise hatte auch keine ausgezeichnete Technik, dennoch ist er sechs Meter und mit 40 Jahren immer noch über 5,70 Meter gesprungen. Es gibt einfach unterschiedliche, individuelle Technikmuster. Für sechs Meter muss man erst einmal zwei oder drei Jahre verletzungsfrei durchtrainieren. Malte Mohr ist jetzt an so einem Punkt: Er ist eineinhalb Jahre gut durchgekommen und jetzt 5,90 Meter gesprungen. Wenn er ohne Verletzungen durch den Winter kommt, ist der nächste realistische Schritt sechs Meter.
